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Massalia ? - Dr. Christian Pinter - Astronomische Beobachtungstipps

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Dr. Christian Pinter
Astronomische
Beobachtungstipps
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Massalia ?
Von Sparta abgesehen, dessen Männer ständig in Wehrübungen verstrickt und abwesend waren, litten die griechischen Stadtstaaten unter akuter Überbevölkerung. So forderten sie die jungen Menschen nachdrücklichst auf, ihre Heimat zu verlassen und Kolonien im Mittelmeerraum zu gründen. Eine dieser Siedlungen hieß Massalia und wurde zum späteren Marseille.

Am 19. September 1852 entdeckte der italienische Astronom Annibale de Gasparis den 20. Kleinplaneten, und zwar in Neapel. Nur eine Nacht später wurde der selbe Asteroid ganz unabhängig nochmals entdeckt, diesmal von Jean Chacornac in Marseille.

Der Franzose veröffentlichte schneller. Der neue Himmelskörper erhielt somit den Namen der französischen Stadt, allerdings in der lateinischen Fassung: Massalia war der erste Asteroid, der nicht nach einer mythologischen Frauenfigur benannt wurde.

Massalia besitzt etwa 145 km Durchmesser und kreist im inneren Abschnitt des Hauptgürtels. Der Sonnenabstand variiert zwischen 2,1 und 2,8 AE (315 bis 420 Mio. km), die Umlaufszeit beträgt 3,74 Jahre.

Spektral gehört Massallia zu den S-Asteroiden. Sie braucht 8 Stunden, um einmal um ihre Achse zu rotieren.
Sahara 00144 - ein L6-Chondrit. Die Schmelzader legt Zeugnis einer Kollision ab
Massalias Familie und die L-Chondrite

Massalia ist das namensgebende Objekt einer ganzen Familie von Kleinplaneten, die bei einer oder mehreren Kollisionen entstand: Diese Massalia-Familie umfasst 6.000 Objekte, wobei selbst das zweitgrößte Mitglied bloß 7 km misst. Anders gesagt: Massalia besitzt mehr als 99% der gesamten Familienmasse.

Ein Teil ihrer zwergenhaften Familienmitglieder unterliegt einer einfachen Resonanz mit Mars: Während der Mars zwei Umläufe um die Sonne absolviert, schaffen solche Körper exakt einen. Diese Winzlinge sind Bahnstörungen durch den roten Planeten entsprechend häufiger ausgesetzt.

In einer Studie (Nature, 16. Oktober 2024) namens The Massalia asteroid family as the origin of ordinary L chondrites legen Michaël Marsset (ESO) und andere Autoren spannende Ergänzungen dieser Familiengeschichte vor. Demnach ereignete sich vor einer halben Jahrmilliarde eine schwere Kollision, die Massalia und weitere Mitglieder zurück ließ. Ein Teil dieser Splitter ging vor etwa 466 Mio. Jahren auf Erden nieder.

Aber noch heute, so die Autoren, soll gut ein Fünftel aller Meteoritenfälle - nämlich die L-Chondrite - aus der Massalia-Familie herrühren. Ursache dafür: Eine zweite Kollision innerhalb der letzten 40 Mio. Jahre.
L5-Chondrit Ghubara, entdeckt 1954 im Oman
Die Massalia-Familie sei sogar die "einzig plausible Quelle" für die L-Chondrite, wie spektroskopische Untersuchungen und bahntechnische Rechnungen belegten.

Falls dies wirklich stimmen sollte, wäre eine kausale Verbindung zwischen Massalia und den L-Chondriten nachgewiesen.
Der L-Chondrit Saratov fiel 1918 in Russland
Zu den L-Chondriten zählen auch die historischen Fälle von L'Aigle (Frankreich, 1803) oder Mauerkirchen (Oberösterreich, 1768).

Im Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums in Wien lassen sich noch viele weitere L-Chondrite studieren.
Besaß die Erde einst einen Ring?

Genannte Studie erwähnt Einschlagskrater und Mikrometeorite im Kalkstein aus dem Ordovizium - eine erdgeschichtliche Periode, die vor rund 485 Mio. Jahren begann und bis vor etwa 443 Mio. Jahren dauerte. Das vor etwa 466 herab gestürzte Material entspräche dem von L-Chondriten und hätte bereits aus der Massalia-Kollisionsfamilie abgestammt.

Es gibt eine weitere Studie namens Evidence suggesting that earth had a ring in the Ordovician, publiziert von Andrew G. Tomkins et al im November 2024. Demnach sei dieses L-Chondritenmaterial nicht etwa nach und nach aus dem Asteroidengürtel in Erdnähe gelangt, sondern vor etwa 466 Mio. Jahren in Form eines einzigen größeren Splitters.

Dieser sei dann aber zerfallen, und zwar aufgrund von Gezeitenkräften: Dabei erfährt die erdnähere Seite eines Objekts eine stärkere Anziehungskraft als die erdfernere; bei einer kollisionsbedingt sowieso schon geschwächten inneren Struktur führt dies rasch zum Auseinanderbrechen.
Im Fall des Saturnrings zerrieben die Gezeitenkräfte vor wenigen hundert Mio. Jahren einen Saturnmond.

Sah die Erde vor 466 Mio. Jahren ähnlich aus?
Beim Zerfall des einzelnen großen Splitters hätte sich zunächst ein Ring aus einschlägigem (L-chondritischem) Material um die Erde gebildet. Dieser Ring hätte das Sonnenlicht geschwächt und sei außerdem ein Reservoir für nachfolgende Materieabstürze gewesen.

Diese Abstürze wären für 21 Einschlagskrater verantwortlich, die alle innerhalb von 40 Mio. Jahren entstanden wären - und innerhalb einer Zone von maximal 30 Grad um den damaligen Erdäquator lagen.

Diese Studie ist auch als PDF abrufbar und nennt darin u.a. die Impaktkrater Ames, Brent, Charlevoix, East Clearwater Lake, Graby, Lockne und Tvären. Eine andere Folge des Rings sei die Anhäufung von L-chondritischem Material im Sedimentgestein der damaligen Zeit.
Fossilien aus dem Weltall

Schon zehn Jahre bevor diese beiden Studien erschienen, präsentierte das Naturhistorische Museum in Wien rund 470 Mio. Jahre alte Proben aus einem südschwedischen Steinbruch: Wie der Ausstellungstext betont, stammten diese fossilen L-Chondrite von einer Kollision im Asteroidengürtel.
Die fossilen Außerirdischen wurden meines Wissens im Ort Thorsberg entdeckt (offensichtlich benannt nach dem nordischen Gott).

Der dortige Kalksteinbruch war seit 1890 in Betrieb gewesen und lieferte hellrote Platten für Böden, Treppen, Fensterbänke oder Restaurationsarbeiten. Mitunter stießen Arbeiter beim Zersägen des Kalks auf seltsame Einsprengsel mit einem bis mehreren Zentimetern Durchmesser. Diese Platten waren für die weitere Verarbeitung unbrauchbar und wurden entsorgt.

Schließlich aber untersuchte Birger Schmitz von der schwedischen Universität Lund die "unbrauchbaren" Kalksteinplatten: Die schwarzen Klumpen darin wurden als fossile Meteorite identifiziert - eine unglaubliche Sensation!
Der L-Chondrit Sahara 98222 ist stark brekziiert: Hinweis auf ein Kollisionsereignis
Massalia selbst beobachten

Dank einer Rückstrahlfähigkeit von 21% erreicht die scheinbare Helligkeit der Massalia - siehe auch meine Asteroiden-Shortlist - zeitweilig 8,7 mag: Dann wird sie fern der Stadt zum Fernglasobjekt. Mit dem Fernrohr ist es leichter, sie zu erspähen. Fotografen können Massalia im besten Fall sogar ohne Teleskop und ohne Nachführung im Bild festhalten: Eine DSLR mit Normalobjektiv auf einem Stativ genügt.

Am einfachsten gelingt die Sichtung rund um die Oppositionen: März 2026 (9,0 mag), Juli 2027 (10,0 mag), November 2028 (8,7 mag), April 2030 (9,4 mag), August 2031 (10,0 mag)

Natürlich bleibt Massalia selbst im besten Amateurteleskop bloß ein Lichtpünktchen ohne Details. Doch womöglich ist gerade sie für etliche Einschlagskrater, ähnlich alte fossile Meteorite und überdies für jeden dritten bekannten Meteoriten verantwortlich!
Massalia am 27.10.2024 - ihre Bewegung macht sie zum kleinen Strich auf dem Foto
Alle Angaben ohne Gewähr
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