Die Venus - Forschungsgeschichte
Wenn immer die Venus am Himmel steht, ist sie nach Sonne und Mond das hellste Gestirn. Sie übertrifft sogar den gleißenden Jupiter an Glanz.
Die berühmte Venustafel aus Babylon gilt als das früheste bekannte Dokument der Planetenbeobachtung. Die hier festgehaltenen Beobachtungen reichen bis 1646 v. Chr. zurück.
Die babylonischen Priesterastronomen erkannten daraus u.a., dass sich die Bewegungen der Venus am irdischen Himmel alle 584 Tage wiederholen.
Wer ein Teleskop besitzt, kann jene Beobachtungen nachvollziehen, die Galileo Galilei vor über 400 Jahren Jahren unternahm.
In Galileis Fernrohr erschien die Venus im August 1610 rundlich. Später magerte sie aber immer mehr ab, zerrann zu einer schmalen Lichtsichel. Gleichzeitig geriet der Längsmesser dieser Sichel immer größer. Offenbar hielt Venus auf die Erde zu.
"Die Mutter der Liebe", so schrieb Galilei an Kepler, "ahmt die Gestalten Cynthias nach".
Cynthia war ein Beiname der alten griechischen Mondgöttin. Kepler wusste damit sofort, was Galilei meinte: Die Venus, das Gestirn der antiken Liebesgöttin, zeigt ähnliche Lichtphasen wie der Mond - wenngleich in umgkehrter Reihenfolge.
Zumindest im alten, erdzentrierten Weltbild des Ptolemäus war ein komplettes Phasenspiel der Venus aber nicht möglich. Damit es eintreten konnte, musste die Venus aus unserem Blickwinkel zeitweise links, dann praktisch vor, rechts und dann wiederum de facto hinter der Sonne stehen. Sie musste die Sonne also umkreisen.
Rechts: Galileis Venuszeichnungen
Für Galilei bildeten die Lichtgestalten daher den Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Lehre, bei der ja alle Planeten die Sonne umrundeten - auch die Erde. Entsprechend begeistert war er über diesen Fund.
Tatsächlich hatte Galilei damit das alte, erdzentrierte Weltbild des Ptolemäus widerlegt.
Doch einen Beweis für das konkurrierende Modell des Nikolaus Kopernikus bildeten seine Venus-Beobachtungen nicht. Sie hätten sich nämlich auch im Tychonischen Modell erklären lassen. In dieser Mischkosmologie des dänischen Protestanten Tycho Brahe blieb die Erde auch weiterhin der unbewegte Mittelpunkt des Kosmos. Auch die Sonne eilte bei Tycho nach wie vor um die Erde herum. Nur die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn kreisten bei Tycho um die Sonne - und jagten mit dieser gemeinsam tagtäglich um die ruhende Erde.
Um sein Modell mathematisch zu untermauern, hatte der hervorragende Himmelsbeobachter Tycho Brahe zuvor den aus Graz ausgewiesenen Astronomen Johannes Kepler nach Prag geholt - der allerdings für Kopernikus stritt: Ebenso wie Galilei, der Tychos eigentümliches Modell zu ignorieren versuchte. Denn auch in dieser Mischkosmologie wären die von Galilei dokumentierten Venus-Phasen möglich gewesen.
Die Venus als Schwesterplanet der Erde
Unser Nachbarplanet Venus ist fast genauso groß wie die Erde, doch damit erschöpfen sich die Ähnlichkeiten auch schon.
Die sowjetische Sonde Venera 7 landete im Dezember 1970 auf der Venus - es war dies gleichzeitig die erste Landung auf einem anderen Planeten! Venera 8 folgte im Juli 1972. Beide Lander sandten Daten zur Erde.
Die ersten Aufnahmen der Venusoberfläche funkten am 22. und 25. Oktober 1975 die sowjetischen Sonden Venera 9 und 10 heim. Angesichts der auf der Venus herrschenden, extremen Bedingungen waren diese Missionen eine technische Meisterleistung.
Foto links:
Modell der Landesonde Venera 10, Wien 1982
In besonderer Erinnerung bleibt auch der US-Orbiter Magellan. Er umrundete die Venus ab Oktober 1990 vier Jahre lang und tastete ihre Oberfläche per Radar ab. Die Venus wurde damals vollständig kartiert. Die aus Magellans Radardaten konstruierten Bilder erkennt man sofort am orangefarbigen Ton.
Unsere planetare Schwester hat ihre Klimakatastrophe schon erlitten; ihr Antlitz glüht mit 460 Grad Celsius.
Der extreme Treibhauseffekt wird von der vor allem aus Kohlendioxid geformten Atmosphäre verursacht. Sie drückt gut 90 mal stärker auf die Venusoberfläche als unsere Lufthülle auf den Erdboden.
Links: Die Venusoberfläche, kartiert von der US-Sonde Magellan. Bild: NASA
Vor einigen Milliarden Jahren mögen auf der Venus gemütlichere Bedingungen geherrscht haben. Vielleicht kannte sie damals sogar Ozeane. Heute ist der Boden ein Meer aus erstarrter Lava, wie Radar-Abtastungen zeigten. Per Infrarot fand man aber einen offenbar recht jungen Lavastrom. Veränderungen in der Zusammensetzung der Venusatmosphäre deuten ebenfalls auf rezente vulkanische Prozesse hin.
Am 15. März 2023 gab man im Magazin Science die Entdeckung eines aktiven Vulkans bekannt - und zwar nach dem Vergleich von Radaraufnahmen, die von der Sonde Magellan im Februar und Oktober 1991 gewonnen wurden. Sie zeigen einen Schlot, der sich offenbar um den Faktor 2 vergrößert und in seiner Form verändert hat.
Links:
Der Berg
Maat Mons aus Radarbildern der Sonde Magellan berechnet.
Das Bild ist vertikal gestreckt.
Foto: NASA/JPL
Links:
Ein Detail aus der Mitte des obigen Bilds.
Die orangefarbige Tönung ist auch hier artifiziell.
Foto: NASA/JPL
Schauplatz der Entdeckung ist der zweithöchste Berg auf Venus: Maat Mons ragt acht Kilometer auf. Namensgebend war die ägyptische Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, die Ma'at. Sie galt als Begleiterin des Sonnengottes Re auf seiner täglichen Fahrt mit der Sonnenbarke. Beim ägyptischen Totengericht wog man das Herz des Verstorbenen gegen die Straußenfeder der Ma'at.
Mittlerweile haben Forscher der Washington University in St. Louis eine Karte mit 85.000 Venus-Vulkanen vorgelegt. Fast alle sind kleiner als 5 km im Durchmesser. Aufgrund der dicken Wolkendecke ist unklar, ob sie wirklich allesamt erloschen sind - oder ob sich darunter vielleicht doch der eine oder andere aktive Vulkan befinden könnte.
Seit Mai 2024 gilt rezenter Vulkanismus auf der Venus als bestätigt: Italienische Wissenschaftler verglichen Radardaten, welche die US-Sonde Magellan zwischen 1990 und 1992 gewonnen hatte. An zwei Stellen fanden sie Veränderungen der Venuslandschaft durch Lavaströme. Ihrer Meinung nach könnte die vulkanische Aktivität auf Venus sogar vergleichbar sein mit jener auf Erden (Quelle: Nature).