Wirkung von Radioaktivität
Die folgende Passage stammt aus dem Artikel "Unbarmherziges Weltall", den ich 2017 für die Wiener Zeitung verfasst habe. Ich habe ihn gewissenhaft recherchiert, bin allerdings kein Mediziner.
Bei der Zellteilung spalten sich die Doppelstränge der DNA der Länge nach auf. Werden ihre Moleküle durch ionisierende Strahlung zerstört, ist die Erbinformation korrumpiert. Ohne rasche Reparatur vergessen die betroffenen Zellen ihre eigentliche Aufgabe. Sie mutieren. Selbst deren Nachbarzellen können in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine mögliche Konsequenz: Krebs.Außerdem entstehen nach den Treffern giftige Verbindungen wie Wasserstoffperoxid (uns als Desinfektions- oder Bleichmittel bekannt); ebenso freie Radikale. Vielleicht schützen zukünftige Medikamente davor.Im Körper kommt es ständig zu DNA-Schäden. Zum Glück existieren Reparaturmechanismen. Stress schwächt das Immunsystem. Längere Raumflüge verändern es ebenfalls. Teilen sich die Zellen in sehr kurzen Abständen, wird die Zeit für körpereigene Gegenmaßnahmen außerdem besonders knapp.Hohe Zellteilungsraten gibt es z.B. bei der Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark; natürlich auch im Embryo, speziell in den ersten Tagen und Wochen nach der Zeugung. Sind Eizellen oder Spermien betroffen, kann die veränderte Erbinformation auch an folgende Generationen weitergereicht werden.Die Folgen starker irdischer Strahlenbelastung kennt man aus Hiroshima und Nagasaki. Davon ausgehend, extrapolieren Wissenschaftler nach unten, hin zu viel geringeren Dosen. Oft geschieht dies einfach linear („halbe Dosis, halbes Risiko“): Eine zusätzliche Belastung von 1.000 mSv würde das letale Krebsrisiko demnach um 5% steigern. Bei 1 mSv wären es 0,005%.Wahrscheinlich gibt es bei ionisierender Strahlung überhaupt keine absolut harmlose Dosis – eine Ansicht, der im AKW-Zeitalter natürlich auch widersprochen wird. In jedem Fall lässt sich das gesundheitliche Risiko nur in Wahrscheinlichkeiten angeben („einer von zehntausend …“). Welches Individuum tatsächlich erkrankt, ist nicht vorhersagbar!In Österreich zeichnet Krebs für 24% der Todesfälle verantwortlich. Erhöhte sich die Strahlung rein hypothetisch um 10 mSv, stiege dieser Prozentsatz - nach dem linearen Modell und etwas vereinfacht ausgedrückt - auf 24,05%.Da er auch aus anderen Gründen etwas variiert, wäre der Zusammenhang mit der Strahlungszunahme statistisch nicht nachweisbar. Und doch fielen ihr mehr als 4.000 weitere Menschen zum Opfer.Alle Angaben ohne Gewähr und Haftung