Pluto
Der Pluto wurde 1930 bei einer fotografischen Kampagne entdeckt - und zwar am Lowell-Observatorium in Flagstaff, Arizona. Das Foto zeigt jene Kuppel, unter der die Kamera arbeitete.
Der Fund gelang dem US-Amerikaner Clyde Tombaugh, der immer wieder seine älteren und neueren Fotoplatten der Tierkreisregion mit einem Blinkkomperator verglich. Ein solches Instrument zeigt abwechselnd die eine, dann die andere Platte. Hat sich ein Objekt zwischen den Aufnahmen bewegt, springt dieses scheinbar hin und her.
Das folgende Foto hält den tatsächlich verwendeten Blinkkomperator fest.
Verhasste Gottheit
Benannt wurde die neu entdeckte, ferne Welt nach dem römischen Gott Pluto. Der Vorschlag stammte von der englischen Schülerin Venetia Burney, die mit der antiken Mythologie vertraut war.
Der römische Pluto galt wie sein griechisches Pendent Hades-Plutos als Beherrscher der Unterwelt (röm.: Orcus; griech.: Hades). Hades-Plutos war den Menschen verhasst. Die Griechen richteten nur wenige Kultstätten für ihn ein. Auch Hades-Statuen finden sich selten (Artikel über altgriechische Jenseitsvorstellungen).
Eine Ausnahme bildete der Mysterienkult von Eleusis (Artikel). Hier gedachte man dem Raub der Demeter-Tochter Persephone (röm.: Proserpina) durch den Gott Hades (röm.: Pluto).
Die in die Unterwelt Entführte durfte nach einem Entscheid zwei Drittel eines jeden Jahres Auferstehung aus dem Totenreich feiern - und war dann wieder mit ihrer Mutter Demeter (Ceres) vereint.
Aus Freude ließ diese dann Pflanzen sprießen und blühen, die, musste Persephone wieder in den Hades zurückkehren, welkten. So erklärten sich die Griechen das Zustandekommen der Jahreszeiten - sie kannten anfangs nur drei.
In Erinnerung an den alten Mythos schuf um 1690 Ottavio Mosto eine entsprechende Figur für den Salzburger Mirabellgarten (Foto oben). Augustyn Shöps stellte die gleiche Szene 1766 am Proserpina-Brunnen der polnischen Stadt Posen dar (Foto unten).
Plutokratie
Als der Held Herakles den Olymp betrat, verweigerte er ausgerechnet dem Plutos – dem Gott des Reichtums - seinen Gruß. Denn diesen habe er auf Erden zumeist bei den schlechten Menschen angetroffen, heißt es in einer der Äsopschen Fabeln (Artikel).
Letztlich verschmolz der Reichtumsgott Plutos mit dem Unterweltsgott Hades: Immerhin lagerten die Reichtümer der Erde, die Bodenschätze, ja in dessen unterirdischem Reich. Außerdem regierte Hades letztlich über mehr Seelen, als alle anderen Gottheiten zusammen.
Politische Systeme, in denen Reiche auch politisch das Sagen haben, sind Plutokratien - auch wenn sie sich selbst nie so bezeichnen würden: Never ever.
Die Plutonite
Laut Ovid fürchtete der Gott Pluto beständig, ein Beben könnte die Erde aufreißen und dann Göttern wie Menschen einen Blick in sein modriges Reich erlauben. Weil sich dieses Reich tief unter der Oberfläche verbarg, nannte man Tiefengesteine später plutonische Gesteine oder Plutonite - wobei das it eine Abkürzung von lithos ist (griechisch: Stein). Zu den Plutoniten zählt zum Beispiel der Granit.
Diese magmatischen Gesteine fanden in mehreren Kilometern Tiefe genug Zeit, um langsam abzukühlen. Die Kristallisation der Gesteinsschmelzen lief dort gemächlicher aber als in der Lava, die von Vulkanen an die kühle Erdoberfläche gespien wird. Entsprechend grob ist deren Textur.
Granit aus dem Eimschlagskrater Karikkoselkä, Finnland
Disneys Bluthund
Man hatte Anfang des 20. Jh. einen Planeten gesucht, den man für die - bloß vermeintlich existierenden - Bahnabweichungen des Neptun verantwortlich machen konnte. Im Sprachgebrauch wurde der aufgestöberte Pluto dann auch Jahrzehnte lang als "9. Planet" gehandelt. Im Schnitt steht er fast 40 mal weiter von der Sonne ab als die Erde und benötigt 248 Jahre für einen kompletten Umlauf.
Offensichtlich wurde Walt Disneys Zeichentrickfigur Pluto nach dem neuen Himmelskörper getauft: Disneys Pluto hatte den ersten Auftritt 1930 im Cartoon The Chain Gang - damals als Bluthund.
1942 benannte man das chemische Element Plutinium nach dem "9. Planeten".
Der Gott Pluto an der Fassade des Naturhistorischen Museums in Wien
Doch kein Planet
Je besser man Pluto beobachten konnte, desto mehr schrumpfte sein mutmaßlicher Durchmesser.
Besonders dramatisch: 1978 fand der US-Astronom James Walter Christy einen Plutomond, der das Abbild des "Planeten" ebenfalls vergrößerte und verformte (Mein ausführlicher Artikel aus dem Jahr 2005 findet sich im US-amerikanischen Internet-Archiv). Tatsächlich ist dieser Mond mehr als halb so groß wie Pluto selbst!
Der Fährmann Charon im Palazzo Medici Riccardi, Florenz
Christy wählte den Namen Charon für die Mondwelt: In der Mythologie war Charon jener Fährmann, der mit den Seelen der Verstorbenen über den Acheron ins dunkle, modrige Reich des Hades übersetzte. Am Eingang wachte der mehrköpfige Hund Kerberos.
All das nährte immer mehr Zweifel am Planetenstatus des Pluto. Ab 1992 stieß man in seinem Umfeld dann auf immer mehr weitere, wenngleich noch schmächtigere Objekte. Pluto wirkte nur noch wie ein Zwergenkönig.
2005 veröffentlichten drei US-Astronomen schließlich die Entdeckung der Eris - eine Welt, die eine ähnliche Dimension wie Pluto besitzt. Man taufte sie nicht zufällig nach der griechischen Göttin der Zwietracht - wissend, dass der Fund eines derartigen Objekts die Debatte um den planetaren Charakter Plutos weiter anheizen würde.
2006 beschloss die Internationale Astronomische Union (IAU; siehe Artikel über deren Bedeutung) erstmals eine verbindliche Definition des Planetenbegriffs für Objekte unseres Sonnensystem. Sie war so formuliert, dass Pluto nicht dazu zählte. Vor allem US-Astronomen trauerten "ihrem" 9. Planeten nach.
Die NASA-Sonde New Horizons passierte Pluto Mitte 2015 und sandte erstmals hochauflösende Fotos dieses Himmelskörpers zur Erde (siehe NASA-Website). Diese zeigten eine überraschend komplex aufgebaute Oberfläche, die vor allem aus gefrorenem Stickstoff besteht.
Mehrere US-Astronomen nahmen diese Komplexität zum Argument, um Pluto doch noch unter die richtigen Planeten reihen zu dürfen. Die IAU blieb jedoch bei ihrem wohlbegründeten Nein.
Pluto selbst sehen?
Pluto gilt heute nur noch als ein mit 2.377 km Durchmesser vergleichsweise groß geratenes Mitglied unter den Transneptunischen Objekten (TNOs). Er ist auch das einzige transneptunische Objekt, das unter günstigsten Bedingungen visuell, also mit dem Auge am Fernrohrokular, erspäht werden kann.
Bei den kommenden Oppositionen weilt Pluto im Steinbock, und damit sehr südlich. Die nächste Opposition steht am 26.7.2026 an, mit einer Erddistanz von 34,55 AE (5,17 Milliarden km). Pluto erreicht dann eine Helligkeit von 14,6 mag. Sein Scheibchen liegt mit 0,1" sehr weit unter der theoretischen Auflösung von Amateurteleskopen.
Pluto Opposition am 26. Juli 2026 fällt wiederum in die Zeit der recht kurzen Sommernächte, wo die Dämmerung spät endet und bald wieder einsetzt. Auch Mondlicht ist zu meiden. Es hellt den Himmel zu sehr auf.
Um die Oppositionszeit herum erreicht Pluto seinen Höchststand, der Sommerzeit wegen, gegen 1 Uhr MESZ. Selbst dann hockt er niedrig überm Südhorizont, erklimmt in Ostösterreich nicht einmal 19 Grad Höhe.
Daraus ergeben sich zwei jeweils zweiwöchige, brauchbare Sichtfenster (dazwischen stört der Mond):
- Juli 2026: 11./12. - 25./26., jeweils 1 Uhr MESZ
- August 2026: 8./9. - 21./22., jeweils 0 Uhr MESZ
Die beiden folgenden Grafiken, erstellt mit GUIDE, zeigen Plutos Bewegung während dieser beiden Zeitintervalle.
Bei knapp 15 mag bedarf es außerdem eines Fernrohrs mit mindestens 20 cm Öffnung, um ihn visuell zu beobachten.
Außerdem braucht man einen absolut dunklen Himmel, wie er wohl nur noch im Gebirge existiert. Man wird hohe Vergrößerungen einsetzen und indirektes Sehen anwenden.
Foto links: Visuell in Wien keine Chance mehr, fotografisch schon
Außerdem empfiehlt es sich, Pluto mehrmals ins Visier zu nehmen. Er wandert um die Opposition herum täglich um etwa eineinhalb Bogenminuten weiter nach Westen ("rechts"). Diese Bewegung mag ihn verraten.
Sie stammt aber primär nicht vom langsamen Pluto selbst, sondern ist eine Widerspiegelung der Erdbewegung. Die extrem weit entfernten Fixsterne sind davon nur unmerklich betroffen.
Fototipp gefällig?
Mit der Kamera geht es auch hier wieder leichter als mit dem Auge am Teleskop, weil die Fotografie schwache Lichteindrücke während der Belichtungszeit summiert. Das klappt bei punktförmig erscheinenden Objekten sogar in der Großstadt, wenngleich mit Abstrichen. Mein Foto unten belegt dies.
Pluto bei einer früheren Opposition. Mittlerweile ist er etwas weitergewandert
Plutos Monde
Mit seinem Mond Charon darf Pluto angeben: Mit 1212 km zählt Charon zwar nicht zu den absolut größten Monden im Sonnensystem. Doch relativ zu Pluto kann er sich sehen lassen: Charon ist mehr als halb so groß wie der Zwergplanet selbst und bringt es auf ein Fünftel von dessen Helligkeit.
Charon wurde zwar 1978 fotografisch von der Erde aus entdeckt, doch bleibt er ein extrem schwieriges Objekt. Zur Opposition 2026 erreicht er 16,3 mag und ist etwa 0,7" von Pluto entfernt - was in etwa der theoretischen Auflösung eines Achtzöllers entspräche.
Gelingt uns ein fotografisches Porträt des Pluto, so stammt ein Teil des Lichts in Wahrheit von dessen Mond Charon. Das Paar bleibt unaufgelöst. Mir ist kein Amateur bekannt, der Charon schon einmal separat im Bild eingefangen hätte.
Pluto nennt außerdem mehrere kleine Monde von der Dimension irdischer Städte sein Eigen: Nix, Hydra, Kerberos und Styx. Deren Umlaufszeiten sind resonant zu der des Charon, was dessen Bedeutung für das Plutosystem unterstreicht. Allerdings sind diese Kleinmonde allesamt schwächer als 24 mag - und für uns somit völlig außer Reichweite.
Beobachtungsaufgaben
- Gelingt es Ihnen unter besten Bedingungen Pluto im Teleskop zu erspähen?
- Können Sie ihn durchs Fernrohr fotografieren?
Alle Angaben ohne Gewähr